Was ist „wahrer Egoismus“? Zwischen Max Stirner und Ayn Rand

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Dies ist der Versuch eines kurzen und unvollständigen Überblicks und einer vergleichende Untersuchung zwischen der Philosophie von Max Stirner („Der Einzige und sein Eigentum“) und Ayn Rand („Atlas Shrugged“). Da dies den Umfang mehrerer hundert Seiten erforderlich machen würde, kann dieser Beitrag, wie gesagt, nur einen ganz groben Umriss darstellen. Außerdem setzt er beim Leser ein gewisses Vorwissen beider Autoren voraus und ist daher nicht als „Einführung“ gedacht. Ich verweise daher auf die genannten Werke beider Autoren.

In den Freidenkerkreisen und unter Philosophen wird der eine oft gegen den anderen ausgespielt. Entweder Ayn Rand oder Max Stirner. Dieses Entweder-Oder Denken halte ich für wenig zielführend, denn beide Denkrichtungen haben ihre Stärken und ihre Schwächen. Schauen wir uns zunächst einmal Max Stirner an:

Er beschreibt seinen Egoismus so, dass „alles Recht ist, was mir (als Individuum) Recht ist“. Die höchste moralische Instanz ist also weder ein Moralkodex, noch Ethik oder ein Gottesgebot, sondern alleine das, was Ich, als Einziger, für gut befinde. Dies versucht er zu rechtfertigen, indem er eine Analyse von „Ideen an sich“ durchführt. Er kommt zu dem (zweifelhaften) Ergebnis, dass alle Ideen „Spuk“ wären, und nur in den Köpfen von „Machtlosen“ rumschwirren, die es noch nicht verstanden haben, Macht zu gewinnen, und als „machtvolle Eigner“ zu handeln, d.h. Sich das zu nehmen, wofür sie sich selbst ermächtigen. Er verurteilt somit Ideen an sich und attestiert, dass sie das Individuum lähmen. Diese Idee war damals sehr neu und hat auch ihre Berechtigung. Daraus jedoch eine absolute Aussage abzuleiten halte ich für falsch, denn:

Auch wenn Max Stirner die meisten Ideen (Gott, Gesellschaft, Menschenrechte usw.) als reine „Sparren“ abhandelt und versteht, so hat er doch selbst, unausweichlich seine „eigenen Sparren“, nämlich die des „Einzigen“, des „Eigners“ und des „Vereins der Egoisten“.

Das sind so seine „Hauptsparren“. „Sparren“ deswegen, weil sie die Sicht vernebeln und abhängig machen. Was er bei anderen Ideen verurteilt, sieht er nicht bei seinen eigenen Ideen. Seine Philosophie führt sich also, kurz und prägnant gesagt, selbst ad absurdum, weil sie ihre eigenen Inhalte überhaupt nicht konsequent umsetzt – und dies auch gar nicht kann, denn: Der Mensch brauch Ideen und Konzepte, brauch Prämissen. Selbst wenn jemand, ganz mystisch sagt, dass er „frei von allen Konzepten und Egolos“ sei, so ist dies auch nur ein weiteres Konzept.

Ayn Rand hingegen akzeptiert Ideen und Konzepte und sieht sie sogar als unumgänglich an.

Wo Max Stirner nur „Geister“ sieht, sieht Ayn Rand „Grundsätze“.

Eine Philosophie bestimmt den Menschen, der sich nach ihr richtet. Für Max Stirner ist dies viel zu einengend und er verwirft alle Philosophien (außer seiner eigenen versteht sich). Dies hält er für „Macht“, mit „Ideen zu schalten und zu walten, wie ich es will“. Auf der einen Seite ist es tatsächlich „Macht“:

Ein bescheidener Geist vermag es nicht, Konzepte zu wechseln oder frei auszutauschen (wenn auch nur zu Analysezwecken). Er bekommt die Konzepte von der Gesellschaft geliefert und er übernimmt sie einfach – kein eigenes Denken erforderlich. Dies ist natürlich alles andere als Macht. Jemand der machtvoll, d.h. Selbst bestimmt lebt, der hat seinen Geist insofern geschult, dass er neue Inhalte aufnehmen und aktiv bearbeiten kann. Er kann sich anpassen, sich wandeln, wenn er es für notwendig und/oder vernünftig ansieht. Auf der anderen Seite ist der Machtbegriff im Stirnerschen Bezug irreführend, da es keine Macht darstellt, ständig und andauernd Ideen und Konzepte zu verwerfen. Eine Grundlage oder gültige Prämissen verwirft Max Stirner. Ohne diese werden wir aber in ein Gefühl der Ohnmacht gedrängt, ob uns dies bewusst ist, oder nicht.

Auch geht Max Stirner mit seinem Egoismus viel zu weit. Nahe am Solipsismus, entgeht er einfach jeder Verantwortlichkeit für andere Menschen oder seiner Umwelt. Er ist „der Einzige“ und Er hat das Recht, jeden Menschen zu vertilgen, wenn er nur die Macht dazu hat. Genau dieser Egoismus wird auch Ayn Rand oft „vorgeworfen“. Doch Ayn Rand formuliert deutliche Grenzen:

Wo ein Opfer verlangt wird, da hört der objektivistische Egoismus auf.

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Dies bedeutet etwa, dass Max Stirner, übertrieben gesagt, kein Problem damit hätte, eine Frau zu vergewaltigen, da er a) die Macht dazu hat (da er wahrscheinlich stärker ist) und b) er als „Eigner“ das Recht dazu hat und c) dass es ohne Moral, auch nicht verwerflich sein kann, denn „gut“ ist, was „mir nützt“.

Dies ist zwar ein krasses Beispiel, orientiert sich aber strikt an seinen Gedanken. Bei Ayn Rand wäre so etwas undenkbar, da es kein einvernehmlicher Sex ist, somit ein Opfer erbracht werden muss.

Doch kann man überhaupt etwa Gutes über die Philosophie von Max Stirner sagen? Ich meine ja, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Max Stirner ist/war ein radikaler Denker und dies macht ihn anziehend. Ich selbst habe sein Buch sehr genossen und habe mir auch sehr viel Sekundärliteratur besorgt und durchgelesen. Was ich positiv mitnehmen konnte, war seine Einstellung gegenüber Dogmen:

Jede Idee und jedes Konzept läuft Gefahr, auf Dauer gesehen, zu einem Dogma zu werden, dem man blind folgt.

So ist Ayn Rand und ihr Objektivismus schon sehr nahe an einem Dogma. Daher wird sie auch oft spöttisch als „Guru“ betitelt, da sie auch so etwas wie eine „Folgschaft“ besessen hatte. Doch ein intelligenter Mensch weiß damit umzugehen und hütet sich davor, ein „blinder Nachfolger“ zu werden. Dieses Dogma hat Max Stirner vor allem in dem humanistischen Begriff der „Menschheit“ und dem religiösen Begriff des „Gottes“ gesehen. In diesem Bezug sind seine Gedanken sehr klar und nachvollziehbar, etwa wenn er sagt, dass es „keine Menschheit gibt und noch nie gegeben hat“. Denn „Menschheit“ ist nur eine Abstraktion. Humanisten handeln aber unter dem „Zwang“ dieser Abstraktion, genauso wie religiöse Menschen unter dem „Zwang“ der Abstraktion Gottes handeln. Er verwirft also diese Abstraktionen und hält sich an das „Tatsächliche“: an sich Selbst, an die eigene Existenz.

So kehrte er auch damals das „Ich“ des Philosophen Fichte um, der es irgendwo auf einer metaphysischen Ebene verortete, zu einem körperlichen und „leibhaften Ich“. Dies war, nach Jahrzehnten äußerster Spekulationen des Idealismus rund um Fichte, Hegel und Schiller, eine willkommene Befreiung und ein philosophisches Gegengewicht zur „Übermacht der Philosophie“, vor allem zur Person von Hegel, der damals fast das gesamte philosophische Denken bestimmt hatte. Interessanterweise kam Max Stirner selbst von Hegel, war als Student sogar „Junghegelianer“. Seine spätere Philosophie war dann das krasse Gegenteil vom „hegelschen Geistesbegriff“. Für Max Stirner war dieser „reine Geist“ ein wirklicher Geist, ein Spukgespenst, ein Nichts. Kein „schöpferisches Nichts“, sondern überhaupt Nichts, eine reine Abstraktion ohne jede Realität. Diesen „Scharfsinn“ und diese „Angriffslust“ auf Ideen, macht Max Stirner für mich interessant und ich schätze ihn sehr dafür.

Ich hatte mal gelesen, von einem Rand Kritiker, dass Ayn Rand die Philosophie von Max Stirner gestohlen hätte und sie mit ihren „Spuks“ vermengt hätte. Tatsächlich würde ich dem auch zustimmen, wenn die Begriffsbestimmung des „Egoismus“ nicht so extrem auseinandergehen würde bei Beiden. Denn Ayn Rand setzt dem Egoismus Grenzen, was Max Stirner verurteilen würde, und Max Stirner übergeht alle Grenzen, was wiederum Ayn Rand kritisieren würde. Beide benutzen zwar die Begriffe „Egoismus“ und „Egoisten“, doch sie unterscheiden sich tatsächlich ganz extrem in ihrer jeweiligen Auslegung.

Wenn also jemand von mir wissen wollte, was ein „wahrer Egoist“ sei, dann würde ich auf Ayn Rand verweisen, ohne sagen zu wollen, dass dies „die Wahrheit“ sei.

Doch von den Stirnerschen Egoisten gibt es leider schon viel zu viele, auch wenn sie von Max Stirner noch nie was gehört haben. Unbewusst wird seine Philosophie (aber sicher nur in extrem oberflächlicher Ausprägung, da muss man fair bleiben) von vielen Menschen in ihrem Leben befolgt. Man gibt sich vielleicht nach Außen hin als Humanist, ist aber tatsächlich nur ein oberflächlicher „Egoist“ und Hedonist. Einem wirklichen „Einzigen“ bin ich noch nie begegnet.

 

Mein Selbstversuch

 

Ich selbst wagte mich mal an den Versuch heran, die Stirnerschen Maximen in meinem Leben umzusetzen – und scheiterte gnadenlos. Vielleicht gibt es ja den ein oder anderen Leser, der das geschafft hat – ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Nur mal ein Beispiel, aus meinem Versuch:

Da es bei Max Stirner kein „Eigentum“ gibt, gehört das Objekt (etwa eine wertvolle Vase), demjenigen, der die Macht hat, sich diese Vase unter den Nagel zu reißen. Dies bedeutet dann folglich in der Praxis, da es ja auch keine Moral gibt, außer meine Moral, dass ich mir die Vase nehmen könnte, wenn ich es vermag. Hier ist also wieder der Begriff der „Macht“. Doch was bedeutet „vermögen“ denn in der knallharten Praxis und Realität? Ich kannte eine ältere Dame, die so eine wertvolle Vase besessen hatte und alleine wohnte. Ich hätte die körperliche Überlegenheit (Macht) besessen, um in die Wohnung einzubrechen und die Dame zu überwältigen und mir die Vase zu nehmen, als (neuer) Eigner dieser Vase. Doch könnte ich diese Handlung niemals tatsächlich ausführen, aufgrund meiner „moralischen Sparren“. Bin ich jetzt also „machtlos“? Nicht fähig, jemals ein „Eigner“ zu werden?

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Diese Spekulationen wurden mir dann irgendwann zu viel, weil sie auch nirgends hinführen. Die Umsetzung der Stirnerschen Philosophie scheitert ganz einfach an der Realität. Denn keiner kann sie wirklich im Ganzen konsequent umsetzen – wenn er ehrlich ist. Wenn mir z.B. jemand an einer roten Ampel das Auto klauen würde und mich herausschmeißen würde, weil er mehr Macht als ich hat, müsste ich ihn dann in den „Verein der Egoisten“ einladen, weil er mehr Macht hat als ich und ich ihn als Gleichgesinnten ansehe, da er ja, wie ich, auch ein „Einziger“ ist?

Man sieht, man kommt da urplötzlich in ganz absurde Überlegungen. Dies kommt daher, da das Denken von Max Stirner sich zwar rational präsentiert, aber im Grunde irrational ist. Denn es fußt auf keinen Fall auf Vernunft. Vernunft leugnet z.B. nicht die Selbstbestimmung von anderen Individuen und steht für ihre Rechte ein. Denn vernünftig ist eben die goldene Regel: „Was du nicht willst, was man dir tut, das tue auch keinem anderen zu“. Dies formuliert Ayn Rand in dem Grundsatz, dass „ich mich weder für andere opfere, noch diese sich für mich opfern sollen“.

Das ist für mich der Ausgangspunkt und der Kern eines „wahren Egoismus“, oder besser gesagt, eines „konstruktiven und rationalen Egoismus“. Dieser wird, in der Praxis angewandt, auch ganz andere Ergebnisse zeitigen, wie etwa der Egoismus von Max Stirner. Ayn Rand war eine erfolgreiche Autorin, überaus bekannt und angesehen und wohlhabend. Ihre Beziehungen waren zumeist beglückend und sie war zufrieden mit ihrem Leben und was sie daraus gemacht hat. Max Stirner hingegen starb vereinsamt in einer kargen Wohnung und wurde zeitlebens von Schuldnern verfolgt, denen er immer wieder entkommen ist. Einen „Verein der Egoisten“ konnte er wohl nie gründen…

Zum Abschluss noch eine sehr gelungene Interpretation von Max Stirner von Christoph Hackenberg:

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